Vorojak
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Die Sudanesin Mende Nazer
hat immer noch Albträume: »Ich fürchte, dass sie kommen, um mich zu holen.
Lange konnte ich nicht glauben, dass ich wirklich frei bin.» Mende Nazer ist wohl eines des prominentesten Opfer moderner
Sklaverei: Die inzwischen erwachsene junge Frau war als Kind im Sudan
verschleppt und später nach England verkauft worden, wo sie als Hausangestellte
bis über die Grenze der Belastbarkeit ausgebeutet wurde. Ohne Lohn, versteht
sich. Der Weltöffentlichkeit wurde ihr Schicksal bekannt, weil Nazer ihre Erfahrungen mit Hilfe eines britischen
Journalisten in einem Buch veröffentlicht hat. Sein Titel »Sklavin« beschreibt
indes keineswegs einen Einzelfall: Mehr als eine Million Jungen und Mädchen
werden schätzungsweise pro Jahr Opfer von Kinderhandel. Ein Verbrechen, bei dem
Milliardengewinne auf Kosten der Schwächsten dieser Welt erzielt werden.
Es ist auch ein Verbrechen mit vielen
Gesichtern: Es trägt das Gesicht eines indischen Jungen, der die Schulden
seiner Eltern in einer Textilfabrik abarbeiten muss. Es trägt das Gesicht eines
rumänischen, kambodschanischen oder albanischen Jungen, der zum Betteln oder zu
Diebstählen gezwungen wird. Es trägt aber auch hunderttausendfach das Gesicht
eines Mädchens aus Nigeria, aus Nepal oder Vietnam, das mit 14 Jahren in ein
Bordell verkauft wird – überall auf der Welt.
Zusammenarbeit
Glücksache
In den vergangenen Jahren ist das
Bewusstsein für die Existenz eines florierenden Geschäfts mit der Ware Kind
deutlich gewachsen. Doch noch immer unternehmen Regierungen bei weitem nicht
genug gegen diese schlimme Form der Ausbeutung von Kindern, wie das
entwicklungspolitische Kinderhilfswerk terre des hommes beklagt: »Wir stehen nicht bei Null: Es gibt
inzwischen internationale Übereinkommen zum Schutz von Kindern, die zeigen,
wohin der Weg gehen muss. Doch bei der Umsetzung bleiben fast alle Wünsche
offen«, erläutert Boris Scharlowski, Koordinator der
Kampagne gegen Kinderhandel, mit der terre des hommes in rund 35 Ländern der Erde aktiv ist. Denn zu
häufig geht es beim scheinbaren Kampf gegen Menschenhandel eigentlich um die
Bekämpfung illegaler Migration, also um innenpolitische Interessen. Zu sehr
fehlt der Blick auf die spezielle Situation von Kindern, zu wenig Geld fließt
in die Bekämpfung der Ursachen: Armut und damit einhergehend ein Mangel an
Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten dort, wo die Schlepper und Händler ihren
menschlichen Nachschub für den weltweiten Markt finden.
Anlässlich einer internationalen Konferenz,
zu der das Kinderhilfswerk terre des hommes unlängst mehr als 200 Experten aus aller Welt
geladen hatte, wurde deutlich, wo außerdem dringender Handlungsbedarf besteht.
Zum Beispiel beim Umgang mit den Opfern von Kinderhandel: »Immer noch werden
die meisten Opfer nicht angemessen betreut, weil Behörden nicht ausreichend
geschult sind und international verbindliche Standards fehlen«, betont Scharlowski.
So sei es quasi »Glücksache«, wenn etwa
Polizei und Hilfseinrichtungen so zusammenarbeiten, dass gehandelte Kinder in
Obhut genommen und betreut werden. Stattdessen werden ihre Rechte weiter
verletzt: Illegal im Land, und häufig einer Straftat bezichtigt, werden sie als
Täter statt als Opfer behandelt und zwangsweise in ihre Herkunftsländer
ausgewiesen. Im schlimmsten Fall verdienen Behörden mit am Geschäft mit Kindern
und schützen die wirklichen Täter, statt sie zu verfolgen.
Mende Nazer
erinnert sich nur zu gut, wie sie sich gefühlt hat, als ihr Martyrium ein Ende
fand. Ihre Empfindungen sind gleichzeitig Appell, im Sinne unzähliger anderer
Opfer zu handeln : »Ich hatte große Angst. Ich wusste
nicht wie es weitergeht und kannte meine Rechte nicht. Es war so wichtig,
jemanden zu haben, der sich um mich kümmerte.«
Claudia
Berker