Vorojak
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Vernachlässigung im Kindesalter
Wenn man von Verwahrlosung oder von Vernachlässigung
spricht, muss man bedenken, dass sie immer historischen, gesellschaftlichen,
schichtspezifischen, beruflichen und persönlichen Bewertungen unterliegt.
Häufigkeit und Schweregrad sind im Wesentlichen vom sozialen Kontext, sozialer
Deklassierung, sozialer Isolation und Ausgrenzung bestimmt. Verwahrlosung tritt
nicht nur in finanziell benachteiligten Familien auf, auch in der Mittel- und
Oberschicht kommt sie vor, wobei sie sich aber in anderen Verhaltensweisen
ausdrückt, wie z.B. Überschütten mit Spielzeug oder materiellen Angeboten bei
gleichzeitig fehlender emotionaler Bindung und persönlichem Interesse……Klich hier
Man spricht von Vernachlässigung, wenn Eltern
- das Kind nicht angemessen ernähren, pflegen und versorgen, was besonders bei
Säuglingen am häufigsten vorkommt;
- die Bedürfnisse des Kindes nach Zuwendung, Nähe und Schutz in deutlicher
Weise missachten bzw. sie mit ihrem Kind sehr gleichgültig und emotionslos
umgehen;
- dem Kind nicht genügenden oder unangemessene Entwicklungsanreize geben;
- an das Kind völlig Altersunangemessene Erwartungen richten;
- mit ihrem Kind sehr ablehnend, restriktiv oder strafend umgehen;
- kein Familienkonzept besitzen, um mit der durch die Geburt entstandenen
Situation angemessen umzugehen.
Besonders gefährlich ist die Vernachlässigung in der
Hinsicht, als sie neben körperlicher und psychischer Misshandlung oder
sexuellem Missbrauch als eine Form von passiver körperlicher oder seelischer
Verletzung gilt.
Jüngste Forschungsergebnisse darauf hin, dass sich die psychische
Vernachlässigung letztlich schwerwiegender auf die Entwicklung des Kindes
auswirkt als die körperliche. Hinzu kommt noch, dass die psychische oft von
körperlicher Beeinträchtigung begleitet wird und dadurch nicht auf den ersten
Blick eindeutig zu erkennen ist.
Abgesehen von äußeren Zeichen von Vernachlässigung oder
Misshandlung im Säuglingsalter könnte ein mögliches Merkmal auch eine Ess- und
Schlafstörung sein. Weitere Faktoren wären extremes Schreien und extreme
Unruhe. Die Kinder erkranken häufiger zeigen erhebliche Gedeihstörungen und
Entwicklungsverzögerungen.
Risikofaktoren
Kinder können bereits vor ihrer Geburt in ihrer
körperlichen seelischen und geistigen Entwicklung und damit ihrem Kindeswohl
gefährdet sein, wenn sie in sogenannte Risikofamilien
hineingeboren werden. Dies betrifft nicht in erster Linie die äußeren –sozialen
oder ökonomischen – Lebensbedingungen solcher Familien, denn diese können durch
eine gute Erziehung kompensiert werden, sondern eher die Familienbeziehungen
selbst. Die wesentlichsten Risikofaktoren für eine zu befürchtende
Kindeswohlgefährdung liegen innerhalb der Familien, genauer gesagt in einer
Beeinträchtigung der elterlichen Sorgfältigkeiten. Die elterliche Sorge ist
dann eingeschränkt, wenn einer oder mehrere Faktoren bei einem oder gar beiden
Elternteilen vorhanden sind:
-
Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen
-
Psychische Erkrankungen
-
Gewalt- und Misshandlungserfahrungen
-
sexuelle Missbrauchserfahrungen
-
sehr junge Elternschaft
-
- geistige und seelische Behinderung
. Natürlich hängt auch viel von der Einstellung zu und
Fantasien über das Kind ab. Wenn schon im Vorfeld das Kind als störend
empfunden wird, besteht kaum eine Möglichkeit auf eine normale Erziehung, die
dem Kind Halt und Sicherheit bietet. Dazu gehören auch die
Erziehungsvorstellungen, -einstellungen und das Erziehungsverhalten, das auch
ausschlaggebend über das Risiko einer Vernachlässigung ist.
Auch vom Wissen bzw. von der Kompetenz
bezüglich Versorgung, Pflege und Erziehung sowie dem Familienkonzept ist die
Vernachlässigung abhängig. Sogar das Geschlecht, kann ausschlaggebend sein,
wenn das Kind z.B. nicht das gewünschte Geschlecht hat. Die äußere Erscheinung
und das Temperament des Kindes können vorbelastete Eltern auch zu negativen
Handlungen verleiten.
Hintergründe und Zusammenhänge von Kindesvernachlässigung:
Im gesellschaftlichen Kontext kann der Umbau des Sozialstaats,
die Globalisierung, die Veränderung der Arbeit und Armut eine Rolle spielen
Vernachlässigung ist aber ebenso ein Interaktionsmuster (Muster gegenseitiger
Beeinflussung) zwischen Eltern und Kind. Überwiegt die negative Rückkoppelung,
verstärkt sich das Gefühl des ,,Nicht-geliebt-Werdens", egal auf welcher
Seite.
Auf der Elternebene gibt es wiederum verschiedene Auslöser bzw. Hintergründe
für Kindesvernachlässigung, so auch ein hohes Krisenpotential, also das, was
wir typische Alltagskrisen in Multiproblemfamilien nennen, und auch
einschneidende Erlebnisse.
Chronische Deprivation, bezüglich Einschränkungen, Verzicht, Knappheit, Enge,
Armut, Abhängigkeit, zu wenig Zuwendung / Nähe / Anerkennung oder flüchtige,
unsichere Beziehungen können auch ein Hintergrund sein.
Eine große Rolle spielt das spielt
Bindungsmuster bei der Vernachlässigung. Das Bindungssystem, das sich im
Verlauf des ersten Lebensjahres bildet, soll das Überleben des Säuglings
sichern und ihm Schutz bieten.
Das eigene Selbstwertgefühl, also, ob sich das Kind aufgrund des Verhaltens
seiner Bindungsperson als liebenswert und kompetent oder als zurückgewiesen
erlebt, ist mit der Art des Bindungssystems verknüpft. Diese innere Vorstellung
wirkt sich nicht nur auf die Haltung zur Bindungsperson und den Umgang mit ihr
aus, sondern beeinflusst auch zunehmend den Umgang mit anderen Menschen. Die
Kinder verhalten sich ihren Erwartungen
entsprechend..
Im vermeidenden Bindungsmuster reagieren die Eltern dieser Kinder zu selten auf
die Bedürfnisäußerungen ihres Kindes und initiieren von sich aus kaum Spiele
oder Aktivitäten mit ihm. Doch sie kümmern sich um die körperlichen Bedürfnisse
ihres Kindes, allerdings dann, wenn es ihnen gerade passt und nicht, wenn es
das Kind signalisiert.
Wie schon das Wort beschreibt, versuchen Mütter, die ein vermeidendes
Bindungssystem aufbauen, ihr Kind zu ,,meiden" bzw. sich von ihm
abzuwenden. Sie hilft dem Kind weder seine Bedürfnisse und Gefühle zu erkennen
und voneinander zu unterscheiden, noch seine gegenständliche Umwelt zu erfahren
und zu erkunden.
Untersuchungen zeigen, dass vernachlässigte Kinder sowohl sehr passiv als auch
in ihrer kognitiven Entwicklung verzögert waren. Mit dem Beginn des Laufens
beginnen sie sich aktiv über die Bewegung einen Teil der Anregung zu
verschaffen, an der es ihnen bisher mangelte. Da sie aber von ihrer
Bezugsperson in der Regel nicht unterstützt werden, schaffen sie es auch nicht,
dass sie so ausgiebig und ausdauert daran teilnehmen, sondern sich eher unruhig
und unkontrolliert hin und her bewegen und sich schnell ablenken lassen.
Etwa ab dem zweiten Lebensjahr wird sich das Kind der eigenen Wirkung auf
andere Menschen bewusst und versucht daher mit Schüchternheit die Zuwendung der
Mutter zu erlangen. Es wird auch beginnen, sprachlich oder nonverbal, Gefühle
vorzugeben, die es gar nicht empfindet um so eine vermeidende Strategie
aufzubauen. Die Kinder wollen sich nun um emotional weniger zugängliche
Bezugspersonen bemühen, indem sie mit Albereien ihre Aufmerksamkeit suchen oder
sich liebevoll um sie kümmern und so immer mehr in einen mütterliche Rolle
hineinversetzt werden.
Neben dem vermeidenden Bindungsmuster gibt es auch noch das
ambivalente, auf das ich näher eingehen möchte. An das Kind bzw. folglich auch
wieder an die Mutter werden abwechselnd verschiedene, meist gegensätzliche
Interaktionsanforderungen gestellt, wie z.B. einmal Zuneigung, dann wieder
völlige Abneigung oder Ignoranz.
Im Erwachsenenalter bemühen sich diese Menschen dann ständig die Bedürfnisse
anderer zu erkennen und zu erfüllen, um deren Anerkennung zu gewinnen. Sie
leben dann entweder sozial isoliert oder eher überangepasst.
Im Kindesalter ,,beschränken" sich die Verhaltensprobleme auf die
emotionale Isolierung oder geringe soziale Ansprechbarkeit.
Als Jugendliche können sie sich dann in fehlendes Vertrauen und fehlenden
Zugang zu den eigenen Gefühlen dann in der Vermeidung intimer Beziehungen,
Promiskuität, Depression oder antisozialen Verhalten äußern.
Prävention von Kindesvernachlässigung:
Bei diesem Thema kann man nicht eine allgemein gültige
Prognose stellen, sondern muss sich auf die konkreten Lebensbedingungen der
Familie beziehen.
Das heißt man muss zuerst Fragen klären nach:
- Vorhandensein und Bereitstellen von lebensweltnahen, qualitativ guten und
ausreichend verfügbaren Einrichtungen für Familien;
- Versorgungsstrukturen und Sicherungssystemen, die für Mütter, Väter und
Kinder leicht zugänglich und nicht diskriminierend sind;
- Möglichkeiten und Bedingungen für nachbarschaftliche, gemeindenahe
Unterstützungs-, Hilfe- und Beziehungsnetzwerke;
- bezahlbaren Wohnungen, Ausbildungsmöglichkeiten und sinnvoller Arbeit.
Nur auf dieser Ebene kann primäre Prävention stattfinden,
da ja die Vernachlässigung oft nicht nur eine
emotionales Beziehungsproblem ist, sondern auch andere Faktoren mitspielen. Man
sollte sich Gedanken über die Hintergründe, die Struktur und Dynamik von
Vernachlässigungsgefährdung in einzelnen Familien machen und mit den Familien erreichbare,
kontrollierbare und konkrete sozialpositiv bewertete Ziele eigener Veränderung
entwickeln. Es gilt die Stärken, Möglichkeiten und Entwicklungspotentiale, also
die Ressourcen der jeweiligen Familie auszuloten um positiv verändernden
Einfluss erzielen zu können.
Man könnte die Eltern dazu anregen und unterstützen:
- ihr Kind zu beobachten und erst einmal wahrzunehmen, was ihm eventuell fehlt;
- Ideen zu entwickeln, was sie tun können, um Bedürfnisse zu befriedigen oder
auf der anderen Seite auch hilfreiche Grenzen zu setzen;
- Ideen zu entwickeln, wie die Eltern sich selbst Entlastung verschaffen können
usw.,
dann können positive Interaktionsschleifen entstehen, die wiederum die Tendenz
zur Selbstverstärkung und Verfestigung haben.
Somit wird positives Verhalten ,,zurückgespiegelt" und z.B. durch
Lächeln des Kindes, das auch der Mutter ermöglicht, ihr Kind als liebenswertes
Wesen zu sehen und entsprechend positiv auf es einzugehen.
Eine Therapie der Eltern könnte verhindern, dass sich
Missverständnisse oder Fehlwarnungen der Signale und Verhaltensweisen des Babys
verfestigen und zu einer unsicheren Beziehung führen. Das bedeutet zum großen
Teil Hilfe für die Eltern, Vertrauen in sich selbst und in die Beziehung zum
Kind aufzubauen, und andere Beziehungserfahrungen zu machen, als die von
Zurückweisung aus ihrer eigenen Kindheit.
Die Hilfe ist natürlich für die jeweiligen Eltern nicht
immer ein gefühlsmäßiges Zuvorkommen, sie fühlen sich häufig in ihrer Person
angegriffen und drücken das in Abwehrmechanismen aus, die von Helfern als
belastend erlebt werden. Seitens der Eltern kann es zu Neid, Eifersucht
Konkurrenz oder Überforderungsgefühlen gegen über den Helfern kommen.
Grundsätzlich haben Familien ein ambivalentes Verhältnis zur Hilfe: einerseits
wünschen sie sie, andererseits erleben sie aber auch die damit verbundene
Abhängigkeit und den Veränderungsdruck, den die Helfer machen. Darum ist es
gut, dass sie die Erfahrung machen, kleine Aufgaben befriedigend gelöst zu
haben, da dies das familiäre Selbstwertgefühl stärkt und Eigeninitiative
fordert. Es geht darum, den Eltern ein gutes Gefühl von Elternschaft zu
vermitteln, in dem sie sich als Eltern anerkennen und lernen, ihr Kind als
liebenswert zu betrachten.
Quellen:
~ Kinderschutzzentrum Berlin e.V.: ,,Risiken und Ressourcen -
Vernachlässigungsfamilien, kindliche Entwicklung und präventive Hilfen"
Artikelverfasser: Claus-Peter Rosemeier, Dr. Ute Ziegenhain, Pieter Hutz
~ Mit Informationen vom Kinderschutzzentrum Linz und der DSA Fr. Stranzinger
~ Internet
Literatur zum Thema:
Dornes, M. Die
emotionale Welt des Kindes, Fischer Verlag
Stern, D.N. Tagebuch
eines Babys, Piper
Stern, D.N. Geburt
einer Mutter, Piper
Winnicott, D.W. Das
Baby und seine Mutter, Klett-Cotta
29.05.05
Nina